Gestern abend in Berlin Mitte. Die Fete de la Musique löst sich gerade im Gewitterregen auf. Ich fahre mit dem Rad nach Hause und bin naß bis auf die Haut.
Vor dem Club der polnischen Versager sitzen ein paar Herren im Feinrippunterhemd, das Bier in der Hand. Als ich vorbeiradele, höre ich ein charmantes: „Madame, können wir Sie auf ein Glas Wasser einladen?“
Archiv des Autors: Elvira
Morgenstimmung
Gerade eben, vor einer Stunde, habe ich es begriffen. Es ist vorbei. Ich bin keine Mutter mehr. Das Kind wächst nur noch heran wie eine junge Löwin, mit genügend Essen und Platz, um Anlauf zu nehmen für den Sprung ins Leben. Mein geliebter Zerstörer ist aufgebrochen zu neuen weiblichen Ufern. Garantiert ohne Rückfahrkarte. Zum ersten Mal keine Verpflichtung, die Kontrolle, den Überblick zu behalten, für andere mitzudenken, die letzte Kraft immer in Reserve zu halten.
Ich erlebe Eruptionen von Vitalität. Um mich herum müssen sich derzeit alle anschnallen. Wie oft habe ich getrauert, daß ich meinen Esprit verloren hatte. Habe geglaubt, ich hätte ihn gegen das Altern eingetauscht. Und jetzt habe ich wieder die Kraft, zu fliegen. Mein Leben hat seine gläsernen Wände verloren.
Ich habe Grieg gehört, Peer Gynt. Da war sie plötzlich, die neue Landschaft, die vor mir lag. Unbekannt und doch vertraut, mit Blick bis zum Horizont und Wasser und viel Grün.
Ich werde sanft landen, die Flügel sorgfältig auf meinem Rücken zusammenfalten und hineingehen in das Neue.
Somewhere over the Rainbow
Alles auf Anfang. Bin ich glücklich? Ich hab ihn wieder, meinen über alles Geliebten, meinen Zerstörer. Ich weiß nicht, ob das ohne Verliebtheit gut geht. Ich weiß nur, daß ich die Vertrautheit unserer Körper sehr vermißt habe.
Vielleicht war ich codiert, auf seine Haut, auf seinen Geruch… Vielleicht hat es deshalb nicht geklappt mit dem Biertrinker, dem Vielredner, Mr. Money und all den anderen.
Jane schüttelt den Kopf, das Kind lächelt weise. Es hat von Anfang an gewußt, daß wir nicht voneinander loskommen.
Last Exit Kontaktanzeige
Janes einziges Problem ist: wo kriegen wir DSL her. Ich merke, wie sie abends unruhig wird, wenn ich noch die Küche aufräume. Wenn sie über ISDN surft, sieht sie ständig auf die Uhr. Dabei ist unsere Internet-Rechnung bei weitem unter dem, was wir früher für die flat gezahlt haben. Ganz zu schweigen von den Monaten im Sommer, wo kaum einer den Laptop anwirft, wo keine Radio-Sketche gesaugt werden, weil das Kind nicht da ist.
Ich habe mir seit langem mal wieder den TIP gekauft. Ist schon komisch, wie sich die Zeitung in den letzten 10 Jahren verändert hat. Oder Berlin hat sich verändert. Es weht so eine Düsseldorfatmosphäre durch die Stadt. Die Artikel sind ganz ok., gutes linkes regionales Feuilleton eben.
Die Kleinanzeigen demonstrieren die Veränderungen am radikalsten:
Keine selbstgedrechselten Alternativjobs mehr, sehr ausgedünnte Eso-Strecke. Dafür jede Menge Klinkenputzer-Jobs und Weiterbildungsangebote. Ist Berlin in der Realität angekommen?
Oder die Kontaktanzeigen. Lesben und Schwule mit ernsthaften Absichten haben sich verabschiedet. Dafür jede Menge Perverse, hab sogar ein paar Mal das F-Wort gelesen.
Und das war der Hammer:
Kulturfreundin/Luder in Personalunion? Mein Programmangebot: 1. Meet’n’lecker Eat, schickes Lokal,2. Oper, beste Plätze,3. Cocktailschlürfen, schummrige Bar,4. (nur beim Auftreten starker Trieb-Kräfte) safer Vögeln, Vielsternehotel. Anfang-40er, Gelegenheitseskapist, Triple-G (gebildet, gutaussehend, gebunden) lädt ein. BmB. *E-Mail:***********
Ich weiß nicht, bei so viel Versprechungen muß doch irgendwo ein Haken sein??!! Kommt nachts um 12 die Ehefrau und packt das Nudelholz aus, um ein bißchen mitzumischen? Ist sein Triple-G dann doch nur in seinem eigenen Koordinatensystem positiv zu bewertet und es kommt einem der übliche Bäuchlein-beginnende Glatze-Focus-Leser entgegengestolpert, der sich zudem 10 Jahre jünger gemacht hat?
Und dann die Profis. Früher gab es:
Kim, Berlinerin. Liebe und Revolte für Sie und ihn.
Das fand ich so scharf, die Frau war weit über 50 und jedes Jahr ging ihr Alter ganz ehrlich ein Jahr hoch. Jetzt sitzt sie wahrscheinlich in einem Bauernhof im Odenwald und genießt ihren Ruhestand. Jetzt haben die Anzeigen fast BZ-Niveau. Bis auf den Umstand, daß es in selbiger Zeitung keinen Markt für Frauen gibt, die für Männer bezahlen.
Wenn ich das so lese, möchte ich doch wieder auf den Zufall vertrauen.
Böses Mädchen
Ich weiß nicht, ob das richtig war. Ich habe den Biertrinker in die Wüste geschickt. Der Arme. Wenn ich daran denke, wird mir heiß, so peinlich ist mir das.
Es war aber auch zu blöd. Ich habe ihm immer gesagt, daß ich mich nicht für ihn entscheiden kann, daß ich es besser finde, wenn wir Freunde bleiben. Also, daß er ein guter Kumpel ist eben. Ich steh einfach nicht auf ihn. Und dann hat er mir die Lampen aufgehangen und stundenlang mit Jane geredet, weil sie doch diesen Ärger mit H.B. bei der Arbeit hat. Und am nächsten Tag kam eine sms, ob er denn nun imer noch nur Kumpel ist.
Da ist mir der Kragen geplatzt und ich hab ihm in einer Mail geschrieben, warum ich nicht auf ihn stehe. Wegen dem vielen Bier und weil er sich nicht getraut hat, mich zu küssen (obwohls vielleicht besser war) und weil er mir einfach zu pummelig ist. Er war ziemlich sauer. Aber alles andere hat er immer einfach überhört, jeden anderen Satz, den ich zum Thema: „Sorry, du bist nicht mein Typ!“ gemacht habe. Irgendwie ist er doch ein bißchen masochistisch.
Und ich fühl mich Scheiße.