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Archiv des Autors: GI Jane
Berlin Crash
Die Szenerie war unwirklich heute Nacht. Ich könnte in Splatter-Manier schreiben von Elviras Aufklatschen auf dem Asphalt und GI Janes brechenden Knochen.
Machen wir es anders. Bemühen wir das science fiction-Genre. Elvira beendet ihren endlosen Fall, stürzt in GI Jane. Eine bläuliche Entladung, lautlos. In einem mit Raureif umkränzten Krater erhebt sich eine Gestalt. Eine Frau. Nicht mehr jung, kurze blonde Haare, hohe Stirn, hohe Wangenknochen, breite Schultern, knochige Hände. Kurven und Kraft.
Sie geht wieder hinein in das Haus, die Treppe hinauf ins Wolkenkuckucksheim.
Ihr Name? Lady Jane.
Alles nur geklaut 15
L’Albatros
Souvent, pour s’amuser, les hommes d’équipage
Prennent des albatros, vastes oiseaux des mers,
Qui suivent, indolents compagnons de voyage,
Le navire glissant sur les gouffres amers.
A peine les ont-ils déposés sur les planches,
Que ces rois de l’azur, maladroits et honteux,
Laissent piteusement leurs grandes ailes blanches
Comme des avirons trainer à coté d’eux.
Ce voyageur ailé, comme il est gauche et veule!
Lui, naguère si beau, qu’il est comique et laid!
L’un agace son bec avec un brûle-gueule,
L’autre mime, en boitant, l’infirme qui volait!
Le Poête est semblable au prince des nuées
Qui hante la tempête et se rit de l’archer;
Exilé sur le sol au milieu des huées,
Ses ailes de géant l’empêchent de marcher.
BAUDELAIRE (Les fleurs du mal)
Epilog
Elvira ist gesprungen. Sie hat lange auf der Dachkante gestanden und nach unten gesehen. Und als keiner damit gerechnet hat, war das Dach plötzlich leer. Blauer Himmel darüber.
Sie fliegt noch, endlos, in Zeitlupe.
GI Jane fährt im Fahrstuhl nach unten und beißt sich die Knöchel blutig. Ist der Fahrstuhl schneller? Sie will es schaffen, Elvira aufzufangen und wenn es sie selbst dabei erschlägt.
Der MANN hat sich in die Schizophrenie gelogen in den letzten Monaten. Er hat Elvira immer vorgeworfen, sie wolle zu viel. Er wollte alles und alle. Hat sich überfressen an der Liebe seiner zahlreichen Frauen und krümmt sich nun vor Magenschmerzen. Könnte sein, daß er demnächst Besuch bekommt von ein paar netten Kroaten, die Unterarme haben, so dick wie seine Oberschenkel. Die werden ihm wohl eins auf die Nuss hauen. Verdient hätte er es.
Das Kind packt seine Sachen und zieht aus.
Alles wird anders.
Alles nur geklaut 14
Avalon
Was nützt dir eine Sonne
wenn deine Lieder Nebellieder sind
wenn du in alten Zeiten
neue Weisen singst
und Burgen baust für mich
und Wolken deinen Perlen dienen
als Bett und Bote
in einer andern Zeit
steh ich am Ufer
wartend
in der Mitte
fault der letzte Kahn
Vera Doneck
Alles nur geklaut 12
Auch Sie haben sich für die Welt interessiert. Das ist lange her; versuchen Sie bitte, sich daran zu erinnern. Das Gebiet der Vorschriften hat Ihnen nicht mehr genügt; Sie konnten nicht länger im Gebiet der Vorschriften leben; also mußten Sie in die Kampfzone eindringen. Versetzen Sie sich bitte genau an diesen Zeitpunkt zurück. Es ist lange her, nicht wahr? Erinnern Sie sich: Das Wasser war kalt.
Jetzt sind Sie weit weg vom Ufer. O ja, wie weit weg Sie vom Ufer sind! Lange Zeit haben Sie an die Existenz eines anderen Ufers geglaubt; jetzt nicht mehr. Trotzdem schwimmen Sie weiter, und jede Ihrer Bewegungen bringt Sie dem Ertrinken näher. Sie bekommen keine Luft mehr, Ihre Lungen brennen. Das Wasser kommt Ihnen immer kälter vor. Sie sind nicht mehr ganz jung. Sie werden sterben, jetzt gleich. Es ist nichts. Ich bin da. Ich lasse Sie nicht fallen. Lesen Sie weiter.
Erinnern Sie sich noch einmal an Ihr Eindringen in die Kampfzone.
Michel Houellebecq, Ausweitung der Kampfzone
Alles nur geklaut 11
Letztes Lied
Ich werde fortgehn, Kind. Doch du sollst leben
Und heiter sein. In meinem jungen Herzen
brannte das goldene Licht. Das hab ich dir gegeben,
Und nun verlöschen meine Abendkerzen.
Das Fest ist aus, der Geigenton verklungen,
Gesprochen ist das allerletzte Wort.
Bald schweigt auch sie, die dieses Lied gesungen.
Sing du es weiter, Kind, denn ich muß fort.
Den Becher trank ich leer, in raschem Zug
Und weiß, wer davon kostete, muß sterben…
Du aber, Kind, sollst nur das Leuchten erben
Und alle den Segen, den es in sich trug:
Mir war das Leben wie ein Wunderbaum,
Von dem in Sommernächten Psalmen tönen.
Nun sind die Tage wie geträumter Traum;
Und alle meine Nächte, alle – Tränen.
Ich war so froh. Mein Herz war so bereit.
Und Gott war gut. Nun nimmt er alle Gaben.
Und in deiner Seele, Kind, kommt einst die Zeit,
soll, was ich nicht gelebt, Erfüllung haben.
Ich werde still sein; doch mein Lied geht weiter.
Gib du ihm deinen klaren, reinen Ton.
Du sei ein großer Mann, mein kleiner Sohn.
Ich bin so müde – aber du sei heiter.
Mascha Kaleko
Alles nur geklaut 10
Hybris
Aus dem Mund
der Mänade
rinnt rotfädig Blut
schreibt
auf ihr Kinn
auf ihren Hals
Des Gottes Einzige sein!
Scherben kauen
Buße tun.
Eva Förster
Alles nur geklaut 9
EINEN JENER KLASSISCHEN
schwarzen Tangos in Köln, Ende des
Monats August, da der Sommer schon
ganz verstaubt ist, kurz nach Laden
Schluß aus der offenen Tür einer
dunklen Wirtschaft, die einem
Griechen gehört, hören, ist beinahe
ein Wunder: für einen Moment eine
eine Überraschung, für einen Moment
Aufatmen, für einen Moment
eine Pause in dieser Straße,
die niemand liebt und atemlos
macht, beim Hindurchgehen. Ich
schrieb das schnell auf, bevor
der Moment in der verfluchten
dunstigen Abgestorbenheit Kölns
wieder erlosch.
Rolf Dieter Brinkmann
Alles nur geklaut 9
die sekunden
zogen
weiße Handschuhe an
und
rückten vor
Gennadij Ajgi
