Something depressive

Es gibt ja so Totpunkte in jedem Urlaub. Der heute hat es in sich. Elvira schmollt, weil ich den Wolf endgültig in die Flucht gejagt habe und barmt obendrein, daß ihr der MANN fehlt. Was denn nun? Da werd eine aus diesem Weib schlau.
Und ich bin sauer auf Elvira, weil sie heute morgen verfügt hat, daß wir aus Granada wegfahren. Ich hatte mich gerade an die glasklare Kälte gewöhnt und an diese Romantik, die schon fast in den Zähnen wehtut. Der Mond über Zypressen, die über Nacht verschneiten Berggipfel, die Plätscherbrünnchen, die sanft polierten Pinienfensterläden, das königliche Leinen der Bettlaken, die maurischen Schnörkel überall.
intextnightmovgr
Ja, es war teuer. Ja, ich hätte mich geweigert, ins kalte Backpackerhotel umzuziehen. Ja, ich wollte für viel Geld bei den fast schon toten Amerikanern und den verkrampften, im Doppelpack reisenden Asiatinnen bleiben. Bei den Plätscherbrünnchen, den Schnörkeln, den handgemachten grün-weißen Dachziegeln. Ja.

Ok. Jetzt sitzen wir in Antequera: es ist draußen kalt wie in Franken, die Berge sind im Nebel verschwunden, das Hotelzimmer hat schon mal bessere Tage gesehen (das Ambiente erinnert mich komischerweise an Russ-Meyer-Filme) und das WLAN ist kaputt. Morgen fahren wir noch mal nach Granada, um die Alhambra anzusehen und dann geht es weiter nach Cordoba.

Elvira und der Wolf

Eine Freundin hatte viel von Tarifa versprochen. Wellen, Wolken, Surfer.
Surfer. Waren das nicht diese komischen Typen, die immer ein strickendes Mädel am Strand sitzen haben, das sehnsüchtig aufs Meer sieht, in der Hoffnung, IHN wenigstens einmal auf dem Board zu entdecken? Die an Land kommen und sich erst mal halb aus dem feuchten, verschossenen Neopren schälen müssen, um menschlich zu wirken? (Sie sehen auch dann noch albern aus, wenn der Reißverschluß über der rasierten Brust geöffnet ist, weil ihr Trapez aussieht, als würden sie eine Windel tragen.) Die in ranzigen VW-Transportern pennen und Vegetarier sind, aber kiffen bis zum Abwinken.
Elvira hat eine andere Erinnerung parat: Muskeln, sonnengebleichte Rastalocken, die nach Meer riechen. Entspannte, unternehmungslustige Jungs eben.
Die Realität liegt wie immer dazwischen. Sie tragen mittlerweile fast alle die Haare so kurz wie Jack Johnson und dürfen auch schon mal etwas älter sein.
Und genauso einer hat Elvira vorhin im Technogedröhn seine Lebensgeschichte ins Ohr geraunt. Mittelständischer Unternehmer, Trennung von der Ehefrau vor ein paar Jahren, weil er über was Junges gestolpert ist. Für ihn der Start mit neuer Frau in ein neues Leben. Für die Kleine nur die Durchgangsstation zum Erwachsensein. Vor einem Jahr ist sie dann weitergezogen und hat ihn zurückgelassen. Nun holt er nach, was er ein halbes Leben verpasst zu haben glaubt, bevor ihn das Alter einholt. Arbeitet so wenig wie möglich, surft dafür mehr. Das scheint ihm zu bekommen. Sonnenverbrannt, sehnig, graues Haar, helle Augen. Er heißt Klaus-Dieter, aber ich nenne ihn Wolf, das passt besser zu ihm.
Elvira hat brav das Rotkäppchen gespielt. Sich die Geschichte vom Wolf angehört. An den richtigen Stellen die Stirn gerunzelt, Kulleraugen gemacht, genickt. Diese angepasste Kuh. Als würde sie so eine Geschichte zum ersten Mal hören. Sie konnte sich gar nicht losreißen von seinen Husky-Augen. Und sie hat brav erzählt, wo das Haus von der Großmutter steht. Will heissen, dass Wolf weiß, wo wir heute in Granada übernachten. Wenn der hier aufkreuzt, dann werde ich sehr sehr wütend …

Alles nur geklaut 4

El angel desconocido

!Nostalgia de los arcangeles!
Yo era …
Miradme.

Vestido como in el mundo,
ya no se me ven las alas.
Nadie sabe como fui.
No me conocen.

Por las calles, ?quien se acuerda?
Zapatos son mis sandalias.
Mi tunica, pantalones
y chaqueta inglesia.
Dime quien soy.

Y, sin embargo, yo era …

Miradme.

Rafael Alberti, vor langen Zeiten, in stürmischer Jugend, in Cadiz
cadiz

Am Abend des zweiten Tages

Wie soll man Urlaub machen, wenn gerade das Büro kollabiert? Seit gestern Abend sendet das Firmentelefon konstant ein Besetztzeichen. Aussicht auf Besserung: morgen. Für Menschen wie Elvira und mich, die sich ihre Brötchen damit verdienen, am Telefon für alles jederzeit erreichbar zu sein, sind das 48 Stunden zu viel.
Dafür verbringe ich jetzt viel Zeit in Hotellobbys, um die hereinschwemmenden Mails zu beantworten. Das Hotel, in dem wir gestern waren, hatte wenigstens nette spanische Gitarrenmusik für die Laptophocker. Hier in Cadiz werde ich mit Easy Listening berieselt. Widerlich.
Wenn ich den Telekommunikationsgau mal vergesse, ist das Leben derzeit allerdings sehr schön. Sonnenuntergang über dem Atlantik. Eine irrsinnige Kathedrale, die scheinbar aus allen möglichen Reststeinen, die die Römer und sie Sarazenen hier stehengelassen haben, zusammengesetzt ist.
Mittags hatte es uns in ein kleines weißes Bergdorf verschlagen. Ich war zu Tränen gerührt. Auf den mit bunbemalten Kacheln besetzten Steinbänken vor den Häusern saßen tatsächlich alte Leutchen und sahen den Zitronenbäumen beim Wachsen zu.
Manchmal habe ich schon den Gedanken, daß es ein Leben jenseits meiner gutbezahlten Lakaienexistenz geben kann, das auch ganz schön ist. Aber würde ich das aushalten? Ich mache es jetzt fast 10 Jahre. Kann ich überhaupt was anderes?

On the Road

Elvira und ich auf großer Reise. Heute abend nun sitzen wir in einem Rundum-Sorglos-Hotel mit gehobenem kulturellen Anspruch und lassen es uns gut gehen. Alles um uns herum ist 15-20 Jahre älter. Aber ich maule nicht, die Hauptsache ist Entspannung. Die Fahrt in dieses Wolkenkuckucksheim war abenteuerlich. Ich kenne doch keine einzige spanische Verkehrsregel. Bis auf die Geschwindigkeitsbegrenzungen. Und die hält hier keiner ein. Ich habe also Roberto, die rote Rennflunder, beim MANN untergestellt und fahre nun Elvira in einem babyblauen, rundgenuckelten Kia Picanto spazieren. Wenn es nicht Urlaub wäre, wäre es schlichtweg demütigend.
Elvira ist happy. Sie erinnert sich an ihre sehr frühe Jugend und daran, daß sie mal auf Südländer, respektive Spanier abgefahren ist.
Alllerdings habe ich auch nicht gewußt, daß Goya so schöne, traurige Männer malen konnte, alles berühmte Toreros. Ich dachte, er kann nur apoplektische Könige und lüsterne Herzoginnen.
Und das habe ich heute gesehen:
hyprom9

R.T.F.M.

Warum Durchgangsverkehr?
Passage war der Ausgangsbegriff. Der war belegt. Durch Benjamins „Passagenwerk“ durch „Rites de Passage“ von Genep, nicht zuletzt durch das Weblog mit gleichem Namen.
Passage klang zu international. Durchgangsverkehr zielt haarscharf daneben, hat einen leisen Anklang von Befehl und Rastlosigkeit. Preußisch eben. Genau das Richtige für Elvira und mich.