Rückkehr ins Leben

Kaum ein Vierteljahr ist vergangen und ich habe meine mutierte Grippe besiegt. Bin ein Organ losgeworden, habe Curare probiert. Ein paar Kilo abgenommen. Erfahrungen auf der ganzen Linie.
Seit 10 Jahren bin ich noch nicht so ausgeschlafen gewesen.
Elvira ist unruhig. Aus lauter Solidarität hat sie kein einziges Date gehabt in der letzten Zeit sondern hat sich mit Lebenshilfe-Büchern beschäftigt. „Zen der Liebe“ und so. Zur Zeit tendiert sie zu netten, friedlichen Typen. So Biertrinker eben. Ich weiß nicht. Sie glaubt, sie tut mir damit was gutes, weil ich doch noch keine Selterskästen tragen kann. Und auf den Gedanken, daß sie vielleicht die Lampen in der neuen Wohnung anbringen könnte und kein Kerl, für den wir dann Bier kaufen müssen, kommt sie natürlich nicht.

Nachrichten aus den Krankenbett

Fliegen macht es möglich. Die Klimananlage vom Flieger quirlt auch die letzte Bakterie, die sich in einer Ecke verzweifelt festhält, auf menschliche Schleimhäute. Wahrscheinlich kann man Stewardessen problemlos in Seuchenkrankenhäuser schicken, die sind gegen alles immun. Ich habe mir eine nette Kollektion Krankheitserreger in der letzten Woche mitgebracht: viel Magen-Darm-Virus (lange nicht mehr auf nüchternen Magen gekotzt), etwas Schnupfen, ein paar Halsbakterien und jede Menge Kreislaufdowner-Viren.
Elvira ist das alles egal. Sie surft seit gestern auf www.liebe.de. Hat ein geil aussehendes Bild von sich ins Netz gestellt und eine Anspruchsliste formuliert und ist entäuscht über das Echo: ältliche Pharmareferenten und „Schmusekater“ unbekannter Profession, die sie umgehend verwöhnen wollen. Der erträumte eigentlich Romane schreibende Volljurist bleibt aus.
Ich verzweifele an simpelster HTML-Programmierung. Weil ich immer noch kein dreispaltiges layout hinbekomme, halte ich die Kommentarfunktion noch immer schamhaft ausgeschaltet. Besser is.

Jubiläum

Gestern abend im Palast der Republik. „Singing“ eine Aufführung, die Arbeiterkampflieder gegen Texte der kommunistischen Theorie setzte. „Kreativität ist Bestandteil von Produktivität“ gegen „Brüder…Sonne…Freiheit“. Emotionalität, Wünsche und Träume im Gesang, Technosprech in der Theorie. Das alles getragen von verfremdet marschierenden Schauspielern und Sängern.
Keine bahnbrechende Inszenierung, aber platziert an einem denkwürdigen Tag. Ich hatte es zunächst nicht bemerkt, als ich den Termin ausgesucht hatte. Nun saß ich am 55. Jahrestag des versunkenen Staates im Foyer seines Volkspalastes in einer Veranstaltung, die mit eben den gleichen Quellen arbeitete, wie die großen Galaprogramme der Arbeiter-und Bauern-Macht. Wenn mir jemand vor 20 Jahren einen Schnappschuß von diesem Abend gezeigt hätte, hätte ich geglaubt, ich wäre in einen Sience Fiction, in ein Paralleluniversum geraten. Die mächtige Ruine, befreit von allem Pomp und Schmuck. Stahlträger wie dunkle Knochen, dazwischen ernst marschierende Menschen in Alltagskluft.
Ich hätte Angst bekommen, vor dem, was mich erwartet.