Postkarte nach Hyperborea

Ich stehe in meiner neuen Welt. Noch etwas verwirrt, noch nicht ganz angekommen, aber neugierig.
Was wird die Zeit bringen?

Du spielst mit Fischen, die Wellen flirren, der Nachtwind aber ist kalt. Die Sonne hat sich seit einigen Tagen wieder entschlossen, unterzugehen. Was tust du abends am Feuer mit deinen Brüdern?
Es gäbe eine Reihe von Fragesätzen anzuhängen.
Warum plötzlich? Warum bist du einfach aus der Reihe herausgetreten? Seit wir uns erkannt haben, ist alles anders. Was für eine banale wie tiefgreifende Tatsache.
Haut reibt sich an Haut. Ich fühle mich wohl, wenn ich mich an deine Brust lehnen kann. Du bist erschüttert über eine Berührung und dann. Das Hirn ist noch beschäftigt, Argumente zu produzieren und diese säuberlich auf PRO und CONTRA zu häufen. Die Seele hat inzwischen das Tor geöffnet. Weite entsteht. Ein sanftes Wehen beginnt. Luftaustausch zwischen zwei einst abgeschlossenen Gebieten. Was wird das? Ein kurzer heftiger Sturm? Ein unentschlossener Zug, der in Schwüle stehen bleibt? Turbulenzen? Ist Platz für die gesamte Wetterlage? Für Novembernebel und Schneetreiben?
Zu viele Fragen.

Désir vs. Meinen

Zwei sperrige Wörter.
Französisch-geschmeidig das eine: Begierde, Wunsch – Projektion kommt gratis dazu.
Deutsch sperrig das andere: sich von sich selbst wegwenden, etwas zu anderem, einem Ding, einer Person. Konkret zu diesem, dem anderen.
Zwischen beiden gibt es Brücken. Der Wunsch führt zum Konkreten – im glücklichsten Fall.
Die Begierde wendet sich an den anderen, nicht ins Universum.
Hard stuff.

Mittsommer, 40 sec

Endlich. Eine Nacht tanzen. Gute Musik. Ihr Kinder wißt ihr eigentlich, daß das die Hits meiner Jugend sind? Eurythmics, Bronsky Beat, Depeche Mode…
Diesmal bin ich nur fast die Älteste. Ein paar PR-Ladies versuchen noch mitzuhalten, fallen dann aber bald ins Taxi.
Der Laden ist voll mit jungen Ausländern. 10 jüdische Jungen im Anzug tanzen auf den Tischen, wohl der Schluß einer Bar Mizwa.
Du hast mich entdeckt, da will ich gerade wieder nach Hause radeln, denn der Himmel wird schon hell. Tanzen, Körpersprache, deine Fingerspitzen auf meinen Hüften. So weit reichen meine Hose und mein Shirt nicht. Also auf der blanken Haut.
Der Morgenstern zwischen den Nachtwolken. Ich will jetzt nach Hause. Du auch.
Verständigungsversuche. Komisches Englisch: Australisch. Er lispelt oder ist das ein Dialekt? „Ich want to kissss you.“
Oh. Er ist groß, das mag ich. Fast blond. Die Jungen tragen wieder lange Haare und Bart. (Was man so Bart nennt in dem Alter.)
Der Weg ist lang, hat viele Unterbrechungen. Irgendwann ist dein Hemd offen. Surfer. Oh, das mag ich auch.
Mit wunden Lippen und summenden Fingerspitzen kommen wir an vor dem Backpackerhotel. Und dann habe ich dich ins Bett gebracht. Nicht mehr. Du bist zu jung.
Ssorry. Du brauchst eine 19jährige oder so…
Und die Vögel singen und die Sonne scheint.

Epilog

Elvira ist gesprungen. Sie hat lange auf der Dachkante gestanden und nach unten gesehen. Und als keiner damit gerechnet hat, war das Dach plötzlich leer. Blauer Himmel darüber.
Sie fliegt noch, endlos, in Zeitlupe.
GI Jane fährt im Fahrstuhl nach unten und beißt sich die Knöchel blutig. Ist der Fahrstuhl schneller? Sie will es schaffen, Elvira aufzufangen und wenn es sie selbst dabei erschlägt.
Der MANN hat sich in die Schizophrenie gelogen in den letzten Monaten. Er hat Elvira immer vorgeworfen, sie wolle zu viel. Er wollte alles und alle. Hat sich überfressen an der Liebe seiner zahlreichen Frauen und krümmt sich nun vor Magenschmerzen. Könnte sein, daß er demnächst Besuch bekommt von ein paar netten Kroaten, die Unterarme haben, so dick wie seine Oberschenkel. Die werden ihm wohl eins auf die Nuss hauen. Verdient hätte er es.
Das Kind packt seine Sachen und zieht aus.
Alles wird anders.