Alles nur geklaut 8

VERBORGENHEIT

Laß, o Welt, o laß mich sein!
Locket nicht mit Liebesgaben,
Laßt dies Herz alleine haben
Seine Wonne, seine Pein!

Was ich traure weiß ich nicht,
Es ist unbekanntes Wehe;
Immerdar durch Tränen sehe
Ich der Sonne liebes Licht.

Oft bin ich mir kaum bewußt,
Und die helle Freude zücket
Durch die Schwere, so mich drücket
Wonniglich in meiner Brust.

Laß, o Welt, o laß mich sein!
Locket nicht mit Liebesgaben,
Laß dies Herz alleine haben
Seine Wonne, seine Pein!

Eduard Mörike, 1832

Es gibt so Tage,

da wäre frau lieber nicht aufgestanden. Heute war so einer:
* Regen auf Schnee und Eis, Verkehrschaos, ich winde mich durch die Stadt, komme zu spät zu einem wichtigen Termin
* ich schlittere über den Fussweg, einen Meter vor der Tür haut es mir doch die Beine weg und ich falle in die eiskalte, nach Hundepipi stinkende Brühe
* ich offne einen Brief, die Autoversicherung hat uns rausgeschmissen, 2 Schäden in einem Jahr waren zu viel (wie peinlich!!!)
* ich esse zu viel, schlafe zu viel, bewege mich zu wenig und muss zum Zahnarzt
* mein nervigster Klient ruft mich nach 21 Uhr über Handy an, einfach mal so
* im Wohnzimmer brüllt die Glotze, das Kind und ihr Freund blockieren das Sofa (sollen sie, ich mache Buchhhaltung)
* nach 12 Stunden Arbeit will ich mich mit etwas Wein zur Ruhe setzen und muss zur Kenntnis nehmen, dass den inzwischen das Kind ausgetrunken hat
* also sitze ich jetzt hier, schreibe mir den Frust von der Seele, trinke Wodka, esse den Rest Eis von der Geburtstagsparty und gebe NIEMANDEM etwas ab
* auch Elvira nicht, die hat zwar die Unfälle verbockt, ist aber völlig kritikunfähig, weil sie eh nur an den MANN denkt, der irgendwo im Fussballstadion rumsteht
* Mist, Doppelmist

Blindgänger

Vor längerer Zeit habe ich einmal jemandem vorgeworfen, er laufe mit verbundenen Augen Augen über ein Minenfeld, mit dem was er gerade tut. Gemeint war eine Hochrisikospekulation.
Dabei müssen wir uns dafür gar nicht an die Börse begeben. Die Suche nach Kontakt bietet genug Risiken. Der Andere als das Objekt von Spekulation/Projektion. Mein Unvermögen und meine Blindheit, die Warnungen zu lesen. Mein Unwissen, wie der Zünder arbeitet. Und schon stehe ich mittendrin und weiss nicht, wie mir geschieht.
Was auf meinen Warnschildern steht? Es ist irgendwann in der frühen Kindheit geschrieben, ausgeblichen und doch steckt noch genügend Sprengkraft dahinter: „Ja, ich brauche eine Extraeinladung.“ Und der Zünder arbeitet ohne Zeitverzögerug bei: unherzlich willkommen +++ du störst +++ draußen bleiben.

Alles nur geklaut 7


so bildet die fremde
gespräche aus

ich erkenne sie
mit warmen rücken mit geschlossenen augen
in einem doppelbett

noch immer ohne muster
ohne richtige antwort
nur die gewöhnung
an berg und tal

wie sich was
zu hälften fügt

auf einer übersetzbaren
matratze

aus: Uljana Wolf „kochanie ich habe brot gekauft“
kookbooks, berlin 2005

Einspruch, Euer Ehren

Elviras Hang zum Kitsch ist stadtbekannt, aber das, was sie gestern hier veröffentlicht hat, hat auf mich die gleiche Wirkung wie ein Roman von Marion Zimmer Bradley: Würgereiz.
Eine schöne Vorstellung, Hamlet und Laertes/Ophelia aus dem letzten Kampf in die Paarung zu schicken. SchwesteristBruderistBruderistSchwester. Ist das eine frühe Vorwegnahme der Kombination Michael & LaToya Jackson? Uns entgeht ein Monolog. (Man erinnere sich: „Der Rest ist Schweigen.“) Und uns entgeht der Schauder des Schlachtens ohne Sinn. Vergiftetes Rapier gegen vergifteten Wein.
Die Sache mit einem Paar enden zu lassen, das abhaut, um es einfach mal miteinander zu versuchen, ist müde. Sogar fahrlässig.
Mädel, hast du es immer noch nicht begriffen?
„Die Frau ist die Provinz des Mannes“ (lt. Heiner Müller). Sie wird erobert, erhalten, verteidigt, vorgezeigt und dient zur Belustigung oder Ausbeute.
Mehr nicht.

Das wars dann

Wieder mal ein Festtag, der sich völlig unauffällig gibt. Morgen ist 2006. Die letzten 6 Jahre haben für uns lebenstechnisch mindestens 10 bedeutet. (Wobei 2005 ja schon Erholung und Beruhigung brachte.) Für mich der Ärger mit H.B. in der Firma. Elvira und ihr Psycho, beide über Jahre ineinander verbissen, verschmolzen und die Trennung war eine schmerzhafte Operation, die mehr als 2 Jahre dauerte. Und die Operation, H.B. endgültig aus der Firma zu kriegen, ist scheinbar längst nicht vorbei. Immer noch zuckt etwas nach, kommen Konsequenzen von Inkonsequenzen zum Vorschein und rächt sich Unklarheit. Ok., damit habe ich eine Aufgabe für das nächste Jahr.
Hier sollen erst einmal noch Fotos kommen. Die letzten zwei Trips durch einsame Wälder.
Das war eine 40 km-Tour. Der Rückweg im Dunkeln und im Schneesturm.
7hills
Am nächsten Tag habe ich es noch einmal fotografiert, weil ich es sonst verdränge: hinter dem Berg mit dem Kreuzchen lagen noch drei weitere Berge und dahinter die Talsperre, um die wir gefahren sind. * Stolzsei *.
Und am Tag darauf hatte es Neuschnee satt. Von einer ganz eigenen Konsistenz, wie Puderzucker, den gibt es in Deutschland nicht. (Den Schnee natürlich!)
Und ich habe noch einmal darauf gedrängelt, daß wir die Crossloipe nehmen. Elvira wollte natürlich auf der Autobahn Ausschau nach netten Typen halten und dabei ein bißchen schön aussehen, aber vergiß es, Baby, hier wird Sport getrieben.
crossl2
Aufgabe auf dem Foto war, aufzusteigen und hinter dem Felsen weiterzufahren.
Auch über die Silvesterparty hat Elvira endlich eine Enscheidung fällen können. Sie hat lange geschwankt zwischen intimer Party mit einem alten Freund und dessen Freund und Frau mit Kochen und Film ansehen und der Party mit der Mädchengang.
Ich lauf ja immer kommentarlos mit. Da die beiden Herren Anwälte sind, hätte mch das schon interessiert, ich hätte sie ein bißchen ausfragen können.
Aber nun gehen wir zum Kochen, Kaffesatzlesen, Trinken, Kreischen, Männerlästern und vielleicht ziehen wir dann noch los zum Tanzen. Eine weise Entscheidung. Schließlich hatte Elvira in den letzten Tagen Partyabstinenz.

Nordische Eigenheiten

* Schnee fällt nicht, weil zu kalt und zu windig (heute geschehen, Europa versinkt, Norwegen nicht)
* am Weihnachtsabend ruht der öffentliche Nahverkehr in der Hauptstadt zwischen 18 und 21 Uhr
* Zwischen Weihnachten und Neujahr schließen die Geschäfte um 18 Uhr (außer H&M, aber das gibts ja auch in Deutschland)
* in einer schicken Einkaufsmeile gibt es einen großen Laden für Gothic- und Death-Metal-Bedarf: Schmuck, Comics, Klamotten, Waffen, Spiele, geleitet von zwei freundlichen Fleischklopsen mit Kinnbart und langer Matte
* durch norwegischen Kaffee kann man durchsehen
* es gibt glutenfreie Pizza Yippieh!, sie kostet 18 Euro Argh!, ein Trost ist, daß die normale Pizza genauso teuer ist
* es gibt keine erkennbaren Singles, der norwegische Mann ist entweder Pubertist oder Familienvater, beim Anblick eines netten Typen, allein mit Hund unterwegs stoperte Elvira gleich über ihren eigenen Skistock, so geriet sie unter Flirtdruck (der Hund hatte tolle treue Augen, der Typ hat sich halb totgelacht)
* norwegische Männer sind recht uninteressant, Ausnahmen sind über 60 und seeeehr sportlich
* Frauen können allein unterwegs sein und werden nicht dämlich angebaggert (logische Folge aus den beiden vorhergehenden Punkten)
* Elchsalami schmeckt nach schnaufendem haarigen Vieh, also widerlich
* Elvira fehlt der MANN (ist das besonders? war doch in Spanien auch schon so)

Grenztest

Nachdem Elvira gestern hier vom sex appeal von Elitesoldaten geschwafelt hat, hab ich heute testen dürfen, wie es denn mit ihrem Durchhaltevermögen aussieht. Sie hat gekniffen, hat sich heute morgen noch mal im Bett umgedreht und mich allein fahren lassen.
Da hab ich mir gedacht, auch nicht schlecht, dann muß ich nicht ständig wegen Kleinigkeiten warten: Mütze richten, Sonnenbrille suchen, Lipgloss und Sonnencreme (alternativ: Handcreme) benutzen, Pipi machen („Paßt du auch auf, daß keiner kuckt???“) etc.
Ich hatte mir gestern schon eine schöne Strecke ausgekuckt, die habe ich dann mit ein paar Schwierigkeitsgraden gewürzt. Bevor ich mich endgültig auf den Weg zu der Hütte gemacht habe, die 9 km im Hinterland lag, habe ich noch ein paar kleine Haken auf dem Terrain von gestern geschlagen. Crossloipen! Für alle, die es nicht wissen, das sind die kleinen Wege seitab von den breitgespurten Langaufautobahnen. Durch den Wald, über Hügel, über Bäche oder an ihnen entlang, diese Strecken sind nicht mehr per Fahrzeug gespurt, sondern von ein paar Spinnern eingefahren. Wenn ich mich auskenne, bin ich auch ganz gern die Spinnerin, die die erste Spur zieht.
Gegen halb 2 habe ich mich dann erst auf den Weg zu dieser Hütte gemacht. Und dann wurde es anspruchsvoll. Sehr eng und steil, wenig Schnee, immer mal kamen die Steine zum Vorschein, mitten in Schußabfahrten, bei denen ich sowieso schon gebetet habe. Pünktlich um 3 Uhr ging die Sonne unter, da trank ich in der Hütte gerade meinen letzten Schluck Kakao.
Kein Problem sagte ich mir, für den Rückweg nehme ich eine andere Strecke. Ich hatte gut 1 1/2 Stunden Dämmerlicht, bis ich dringend wieder in beleuchtete Regionen kommen mußte. Ich machte mich auf den Weg. Wieder Crossloipen! Die Euphorie vom Mittag wollte sich allerdings nicht wieder einstellen. Ich habe den Spinner verflucht, der diese Spur gezogen hatte, weil er nämlich an einem Steilufer wieder umgekehrt war. Also bin ich auch wieder zurück- gefahren wäre gut – gestiegen, teilweise gelaufen, im Tiefschnee ohne Schneegamaschen. Argh!
Es wurde immer dunkler, die Schußabfahrten mußte ich jetzt nehmen, ohne die Steine zu sehen, die blank lagen. Gott sei Dank kam mir niemand mehr entgegen. Überhaupt war ich ganz froh, ohne Publikum unterwegs zu sein: fluchend, mit mir selbst redend, die Nase hochziehend und nicht mehr so hundertprozentig sicher auf den Beinen vor Erschöpfung. Wenn mich Leute getroffen hätten, wäre ich wahrscheinlich ganz schnell wieder in Oslo gewesen. Nur nicht im Hotel. Eher in der Nervenheilanstalt.
Dann kamen die beleuchteten Loipen und es waren kaum noch 4 km bis zu meiner Bahnstation. Bergauf natürlich.
Beim Hochsteigen habe ich mir geschworen, daß ich es morgen gaaanz langsam angehen werde. Vielleicht ein Museumstag, vielleicht Shopping. (Also alles das anschauen, was in Norwegen zu teuer ist. Elvira braucht schließlich noch ein paar Mäuse für ihren Urlaub mit dem MANN.)
Als ich dann im Zug saß, war der Moment aber schon wieder vorbei. Morgen geht es wieder weiter. Vielleicht nicht ganz so heftig…
Und Fotos gibt es nicht. Nur Bäume, Schnee und Himmel sind zu langweilig.

Sport ist Mord

Elvira verläßt das Bett heute abend nicht mehr, ich habe mich wenigstens bis zum Sofa schleppen können. Meine Finger fühlen sich an, wie mit Wasser gefüllte Gummihandschuhe und ich habe das Gefühl, meine Lendenwirbel haben heimlich die Plätze getauscht. Elvira jammert, daß ihre Kniegelenke schmerzen und die linke Schulter dazu.
Wir haben es heute vielleicht ein wenig übertrieben, aber es war so schön. Wir konnten garnicht aufhören. Und noch eine 3,5 km Schleife und schau, bis dahin sind es nur 4 km und so kamen 25 zusammen in dreieinhalb Stunden, mit einer Kaffeepause.
Daß Skifahren in Oslo so easy sein kann, hätte ich mir nicht träumen lassen. Als wir heute morgen mit unseren antiquierten Skiern Richtung Bahn loszogen, hatte ich noch die Befürchtung, wir werden blöd angegrinst und weil es gar keinen Schnee gibt und weil nur Touris in die Bahn steigen mit den Skiern, weil das immer in den Reiseführern steht. Weit gefehlt. Auf den 250m vom Hotel zur Bahnstation waren wir schon eine kleine Karawane. Alle mit ihren Skiern, Stöcken und Pudelmützen, zwei ganz harte Jungs hatten sogar riesige Rucksäcke dabei für eine Hüttentour.
Und die Bahn fährt nicht nur zum Holmenkollen (da steigen nur die Japaner mit ihren Fotoapparaten aus) sondern den ganzen Berg nach oben. Und oben geht man dann drei Schritte beiseite, schnallt die Skier an und ist mittendrin. Der Schnee ist so lala, aber ausreichend, übermorgen soll es neuen geben. Und es ist wirklich so wie Spazierengehen. Andauernd kommen einem norwegische Familien entgegen, von der Oma bis zum Kleinkind auf Skiern. Meist werden sie von einem euphorisch vorausrasenden Hund angekündigt.
Ich habe Lust, morgen noch ein paar Kilometer draufzupacken. Heute sind wir erst so spät losgefahren, too much Wodka, sage ich nur in Elviras Richtung (sie grinst frech, zeigt auf mich und sagt „Selber!“). Wenn wir es morgen eine Stunde eher schaffen, in die Spur zu kommen, das wäre gut. Ich habe so gar keine Lust, für die unbeleuchteten Streckenteile die Kopflampe mitzuschleppen.
Pläne, Pläne, Pläne. ES ist aber auch das sinnvollste, was man hier tun kann. In der Hotelbar unten kostet ein Caipi 15 € und das ist leider repräsentativ. Der Kaffee auf der Skihütte ist erschwinglich, auch wenn man durchkucken kann.
Gestern nacht gab es noch ein kleines Ereignis. Ich war längst auf dem Sofa eingeschlafen, da wurde Elvira vom MANN mit seinen Mädels und einem Weihnachtslied geweckt. Und kurz darauf sind wir noch einmal losgezogen, weil Musik vom Schloß kam. Ein kleines Weihnachtsständchen für den König und Feuerwerk. Leider war schon Schluß, als wir ganz nahe waren, den König haben wir nicht mehr gesehen, der hatte wohl schon kalte .Füße bekommen