Désir vs. Meinen

Zwei sperrige Wörter.
Französisch-geschmeidig das eine: Begierde, Wunsch – Projektion kommt gratis dazu.
Deutsch sperrig das andere: sich von sich selbst wegwenden, etwas zu anderem, einem Ding, einer Person. Konkret zu diesem, dem anderen.
Zwischen beiden gibt es Brücken. Der Wunsch führt zum Konkreten – im glücklichsten Fall.
Die Begierde wendet sich an den anderen, nicht ins Universum.
Hard stuff.

Mittsommer, 40 sec

Endlich. Eine Nacht tanzen. Gute Musik. Ihr Kinder wißt ihr eigentlich, daß das die Hits meiner Jugend sind? Eurythmics, Bronsky Beat, Depeche Mode…
Diesmal bin ich nur fast die Älteste. Ein paar PR-Ladies versuchen noch mitzuhalten, fallen dann aber bald ins Taxi.
Der Laden ist voll mit jungen Ausländern. 10 jüdische Jungen im Anzug tanzen auf den Tischen, wohl der Schluß einer Bar Mizwa.
Du hast mich entdeckt, da will ich gerade wieder nach Hause radeln, denn der Himmel wird schon hell. Tanzen, Körpersprache, deine Fingerspitzen auf meinen Hüften. So weit reichen meine Hose und mein Shirt nicht. Also auf der blanken Haut.
Der Morgenstern zwischen den Nachtwolken. Ich will jetzt nach Hause. Du auch.
Verständigungsversuche. Komisches Englisch: Australisch. Er lispelt oder ist das ein Dialekt? „Ich want to kissss you.“
Oh. Er ist groß, das mag ich. Fast blond. Die Jungen tragen wieder lange Haare und Bart. (Was man so Bart nennt in dem Alter.)
Der Weg ist lang, hat viele Unterbrechungen. Irgendwann ist dein Hemd offen. Surfer. Oh, das mag ich auch.
Mit wunden Lippen und summenden Fingerspitzen kommen wir an vor dem Backpackerhotel. Und dann habe ich dich ins Bett gebracht. Nicht mehr. Du bist zu jung.
Ssorry. Du brauchst eine 19jährige oder so…
Und die Vögel singen und die Sonne scheint.

Blindgänger

Vor längerer Zeit habe ich einmal jemandem vorgeworfen, er laufe mit verbundenen Augen Augen über ein Minenfeld, mit dem was er gerade tut. Gemeint war eine Hochrisikospekulation.
Dabei müssen wir uns dafür gar nicht an die Börse begeben. Die Suche nach Kontakt bietet genug Risiken. Der Andere als das Objekt von Spekulation/Projektion. Mein Unvermögen und meine Blindheit, die Warnungen zu lesen. Mein Unwissen, wie der Zünder arbeitet. Und schon stehe ich mittendrin und weiss nicht, wie mir geschieht.
Was auf meinen Warnschildern steht? Es ist irgendwann in der frühen Kindheit geschrieben, ausgeblichen und doch steckt noch genügend Sprengkraft dahinter: „Ja, ich brauche eine Extraeinladung.“ Und der Zünder arbeitet ohne Zeitverzögerug bei: unherzlich willkommen +++ du störst +++ draußen bleiben.

Mannomann

Der Macho-Index im Europa-Vergleich. Deutschland liegt knapp hinter Italien.
Ich blicke mich suchend um. Wo sind sie, die Machos? Also die richtigen, jetzt nicht die Primaten. Die Rundumsorglos-Pakete, die uns richtig Frau sein lassen. Die uns auf Händen tragen, Diamanten regnen lassen und Wünsche von den Augen ablesen können. Irgendwie haben sie es doch alle am Rücken, an der Seele, am Geldbeutel oder an der sexuellen Orientierung.
Und Frauen? Sie können einfach nicht brav die Klappe halten, abwarten und sich hilflos stellen. Haben vergessen, wie schamhafte oder bewundernde Augenaufschläge
funktionieren.
Selber schuld.

Einspruch, Euer Ehren

Elviras Hang zum Kitsch ist stadtbekannt, aber das, was sie gestern hier veröffentlicht hat, hat auf mich die gleiche Wirkung wie ein Roman von Marion Zimmer Bradley: Würgereiz.
Eine schöne Vorstellung, Hamlet und Laertes/Ophelia aus dem letzten Kampf in die Paarung zu schicken. SchwesteristBruderistBruderistSchwester. Ist das eine frühe Vorwegnahme der Kombination Michael & LaToya Jackson? Uns entgeht ein Monolog. (Man erinnere sich: „Der Rest ist Schweigen.“) Und uns entgeht der Schauder des Schlachtens ohne Sinn. Vergiftetes Rapier gegen vergifteten Wein.
Die Sache mit einem Paar enden zu lassen, das abhaut, um es einfach mal miteinander zu versuchen, ist müde. Sogar fahrlässig.
Mädel, hast du es immer noch nicht begriffen?
„Die Frau ist die Provinz des Mannes“ (lt. Heiner Müller). Sie wird erobert, erhalten, verteidigt, vorgezeigt und dient zur Belustigung oder Ausbeute.
Mehr nicht.

Nordische Eigenheiten

* Schnee fällt nicht, weil zu kalt und zu windig (heute geschehen, Europa versinkt, Norwegen nicht)
* am Weihnachtsabend ruht der öffentliche Nahverkehr in der Hauptstadt zwischen 18 und 21 Uhr
* Zwischen Weihnachten und Neujahr schließen die Geschäfte um 18 Uhr (außer H&M, aber das gibts ja auch in Deutschland)
* in einer schicken Einkaufsmeile gibt es einen großen Laden für Gothic- und Death-Metal-Bedarf: Schmuck, Comics, Klamotten, Waffen, Spiele, geleitet von zwei freundlichen Fleischklopsen mit Kinnbart und langer Matte
* durch norwegischen Kaffee kann man durchsehen
* es gibt glutenfreie Pizza Yippieh!, sie kostet 18 Euro Argh!, ein Trost ist, daß die normale Pizza genauso teuer ist
* es gibt keine erkennbaren Singles, der norwegische Mann ist entweder Pubertist oder Familienvater, beim Anblick eines netten Typen, allein mit Hund unterwegs stoperte Elvira gleich über ihren eigenen Skistock, so geriet sie unter Flirtdruck (der Hund hatte tolle treue Augen, der Typ hat sich halb totgelacht)
* norwegische Männer sind recht uninteressant, Ausnahmen sind über 60 und seeeehr sportlich
* Frauen können allein unterwegs sein und werden nicht dämlich angebaggert (logische Folge aus den beiden vorhergehenden Punkten)
* Elchsalami schmeckt nach schnaufendem haarigen Vieh, also widerlich
* Elvira fehlt der MANN (ist das besonders? war doch in Spanien auch schon so)

Du bekommst, was du bestellst, Kleine

So langsam bin ich die Klagen von Elvira leid. Sie sind seit Jahren der Soundtrack unseres Lebens. Das eine Thema mit Variationen. Es gibt verschiedene Bezeichnungen dafür. Nähe, Aufmerksamkeit, Kontakt. Die Melodie der letzten Jahre war: zu viel, zu eng, ich will raus. Jetzt klingt es anders: zu wenig, zu locker, zu einseitig.
Ich höre noch, wie sie mir im Frühjahr ihr Ideal erläutert hat: Eigentlich brauche ich niemanden. Vielleicht fürs Bett. Oder mal für einen netten Abend. Aber niemanden, der ständig bei mir sein will und sich in mein Leben einmischt. Eine kluge, leicht unterkühlte, sehr rationale, gut organisierte Beziehung, nein eher Affäre, sollte es werden.
Die hat sie jetzt. Ich mag den MANN. Endlich ist sie weg von ihren soften Jungs, die ihr mit ihrem Anlehnungsbedürfnis die Zeit gestohlen haben.
Abendelang schimpft sie leise vor sich hin. Malt sich Trennungsszenarien aus, schreibt Abschiedsbriefe, die sie nicht abschickt. Wie eine Selbstmörderin, die auf der Dachkante balanciert und das „ich könnte, wenn ich wollte“ vor Polizei, Feuerwehr und Schaulustigen auskostet.
Nein, so ganz stimmt das Bild nicht. Elvira hat kein Publikum. Selbst vor mir versucht sie zu verbergen, wie enttäuscht sie darüber ist, daß sie zum ersten Mal im Leben sehr viel mehr investiert als sie zurückbekommt. Sie war nie oder nur kurzzeitig emotional in den roten Zahlen. Jetzt ist es ein Dauerzustand. Ich kann ihr nicht helfen. Ich weiß selbst nicht, ob sie seit Monaten ihre Zeit vertut oder etwas völlig Neues erlebt.
Lauwarme Alteleuteaffäre nennt sie es. Ein hartes Wort. Und sie muß sich von mir fragen lassen, warum sie denn immer noch dabei ist. Doch ich kenne Elviras sonderbares Timing. Ein Gefühl für den richtigen Zeitpunkt hat sie noch nie gehabt. Ob sie nun aufspringt oder absteigt.
Die bequeme Lösung: jemand anders kommt und interessiert sie mehr – das eigentlich männertypische Modell Fliegender Wechsel – ist derzeit nicht in Sicht. Also wird Elvira weiter als fleißiges Lieschen die Kränkungen ihres (sehr großzügig dimensionierten) Ego sammeln, bis ihr Körbchen voll ist. Und sich dann vom Acker machen, ohne Vorankündigung. Wie sie es nicht nur einmal getan hat. Wird einen MANN hinterlassen, der sich verwundert-verwundet die Augen reibt und stammelt: Ja, aber… Es war doch alles in Ordnung! Es war doch so entspannt und vertraut! Was sie ihm in ihrer Scheinheiligkeit auch über lange Zeit suggeriert hat. Wünsche zu äußern, das ist nicht gerade ihre Stärke.
Aber vielleicht unterschätze ich den MANN auch. Er hat ein gutes Gespür. Vielleicht sieht er das Verfallsdatum schon längst. Dann hätten sich beide beim Gang zu neuen Ufern Gesellschaft geleistet. Was auch nicht schlecht ist.
Zwischenzeitlich höre ich mir eine neue Strophe ihres Klagegesangs an.

unconditional surrender

Ist es das jetzt wirklich schon? DER MANN und ich scheinen in eine Lebensbahn zu gleiten, die entspannend, verbindlich, freiheitlich und hm, einfach das lange Ersehnte sein könnte. Überraschungen? Unsicherheiten? Werden kommen.
Sind die Aufregungen dieses Sommers wirklich schon vorbei?
Hombre segundo hat gerade zur richtigen Zeit den Hut genommen, um den Weg freizumachen. Den Part des Dänenprinzen hat er ausgeschlagen. Schade, ich habe es gemocht, wenn er in meinem Schoß gelegen hat.