Alles nur geklaut 9

EINEN JENER KLASSISCHEN

schwarzen Tangos in Köln, Ende des
Monats August, da der Sommer schon

ganz verstaubt ist, kurz nach Laden
Schluß aus der offenen Tür einer

dunklen Wirtschaft, die einem
Griechen gehört, hören, ist beinahe

ein Wunder: für einen Moment eine
eine Überraschung, für einen Moment

Aufatmen, für einen Moment
eine Pause in dieser Straße,

die niemand liebt und atemlos
macht, beim Hindurchgehen. Ich

schrieb das schnell auf, bevor
der Moment in der verfluchten

dunstigen Abgestorbenheit Kölns
wieder erlosch.

Rolf Dieter Brinkmann

Alles nur geklaut 8

VERBORGENHEIT

Laß, o Welt, o laß mich sein!
Locket nicht mit Liebesgaben,
Laßt dies Herz alleine haben
Seine Wonne, seine Pein!

Was ich traure weiß ich nicht,
Es ist unbekanntes Wehe;
Immerdar durch Tränen sehe
Ich der Sonne liebes Licht.

Oft bin ich mir kaum bewußt,
Und die helle Freude zücket
Durch die Schwere, so mich drücket
Wonniglich in meiner Brust.

Laß, o Welt, o laß mich sein!
Locket nicht mit Liebesgaben,
Laß dies Herz alleine haben
Seine Wonne, seine Pein!

Eduard Mörike, 1832

Es gibt so Tage,

da wäre frau lieber nicht aufgestanden. Heute war so einer:
* Regen auf Schnee und Eis, Verkehrschaos, ich winde mich durch die Stadt, komme zu spät zu einem wichtigen Termin
* ich schlittere über den Fussweg, einen Meter vor der Tür haut es mir doch die Beine weg und ich falle in die eiskalte, nach Hundepipi stinkende Brühe
* ich offne einen Brief, die Autoversicherung hat uns rausgeschmissen, 2 Schäden in einem Jahr waren zu viel (wie peinlich!!!)
* ich esse zu viel, schlafe zu viel, bewege mich zu wenig und muss zum Zahnarzt
* mein nervigster Klient ruft mich nach 21 Uhr über Handy an, einfach mal so
* im Wohnzimmer brüllt die Glotze, das Kind und ihr Freund blockieren das Sofa (sollen sie, ich mache Buchhhaltung)
* nach 12 Stunden Arbeit will ich mich mit etwas Wein zur Ruhe setzen und muss zur Kenntnis nehmen, dass den inzwischen das Kind ausgetrunken hat
* also sitze ich jetzt hier, schreibe mir den Frust von der Seele, trinke Wodka, esse den Rest Eis von der Geburtstagsparty und gebe NIEMANDEM etwas ab
* auch Elvira nicht, die hat zwar die Unfälle verbockt, ist aber völlig kritikunfähig, weil sie eh nur an den MANN denkt, der irgendwo im Fussballstadion rumsteht
* Mist, Doppelmist

30 Jahre später

Habe ich „La dolce vita“ noch einmal gesehen. Und bin genau so erschüttert wie an dem Tag, als ich zum ersten Mal für den Abendfilm im Fernsehen aufbleiben durfte.
In der Kühnheit der Moderne – Tempo/Stil/Aufbruch – bekomme ich etwas atemberaubend Schönes gezeigt und gleichzeitig wird mir die Zerstörung und Banalisierung dessen vorgeführt. Was bleibt am Ende? Der Ausblick auf ein junges Mädchen.
Meine Identifikationsfigur? Maddalena, Anouk Aimee, düster, kompromißlos und doch sensibel und zugewandt.
Ich habe lange keinen Schwarzweiß-Film ästhtetisch so faszinierend gefunden. Nichts ist zufällig, kein Hell, kein Dunkel, kein Gegenstand.
Mir fällt auf, daß Melancholie noch ein zugelassenes Gefühl war, wenn auch vorwiegend hinter vorgehaltener Hand darüber geredet wurde. Heute ist dieses Gefühl endgültig im Bereich des Pathologischen gelandet, heißt Depression und es gibt Medikamente dafür. Wir haben die Schraube der Spaßgesellschaft noch weiter angezogen. Süßer kann ein Leben nicht mehr sein. Allzeit bereit zur Freude

Blindgänger

Vor längerer Zeit habe ich einmal jemandem vorgeworfen, er laufe mit verbundenen Augen Augen über ein Minenfeld, mit dem was er gerade tut. Gemeint war eine Hochrisikospekulation.
Dabei müssen wir uns dafür gar nicht an die Börse begeben. Die Suche nach Kontakt bietet genug Risiken. Der Andere als das Objekt von Spekulation/Projektion. Mein Unvermögen und meine Blindheit, die Warnungen zu lesen. Mein Unwissen, wie der Zünder arbeitet. Und schon stehe ich mittendrin und weiss nicht, wie mir geschieht.
Was auf meinen Warnschildern steht? Es ist irgendwann in der frühen Kindheit geschrieben, ausgeblichen und doch steckt noch genügend Sprengkraft dahinter: „Ja, ich brauche eine Extraeinladung.“ Und der Zünder arbeitet ohne Zeitverzögerug bei: unherzlich willkommen +++ du störst +++ draußen bleiben.

Alles nur geklaut 7


so bildet die fremde
gespräche aus

ich erkenne sie
mit warmen rücken mit geschlossenen augen
in einem doppelbett

noch immer ohne muster
ohne richtige antwort
nur die gewöhnung
an berg und tal

wie sich was
zu hälften fügt

auf einer übersetzbaren
matratze

aus: Uljana Wolf „kochanie ich habe brot gekauft“
kookbooks, berlin 2005

Mannomann

Der Macho-Index im Europa-Vergleich. Deutschland liegt knapp hinter Italien.
Ich blicke mich suchend um. Wo sind sie, die Machos? Also die richtigen, jetzt nicht die Primaten. Die Rundumsorglos-Pakete, die uns richtig Frau sein lassen. Die uns auf Händen tragen, Diamanten regnen lassen und Wünsche von den Augen ablesen können. Irgendwie haben sie es doch alle am Rücken, an der Seele, am Geldbeutel oder an der sexuellen Orientierung.
Und Frauen? Sie können einfach nicht brav die Klappe halten, abwarten und sich hilflos stellen. Haben vergessen, wie schamhafte oder bewundernde Augenaufschläge
funktionieren.
Selber schuld.